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Archive for September 2010

O’kotzt is

Ich mag München. 50 Wochen im Jahr könnte man sogar von Liebe sprechen. Außer in den letzten beiden Septemberwochen, da kriselt es gewaltig. Dann drängt sich die bierselige Bavaria zwischen uns und gewährt auf der Wiesn nicht nur ungewollte Einblicke in Dekolletés, sondern auch in andere menschliche Abgründe.

Zusammen mit den Brauereirössern und dem Oberbürgermeister hält der außerirdische Folklore-Wahnsinn Einzug. Man sagt ja, Trachtenkauf sei beratungsintensiv. Demnach hatten in letzter Zeit sämtliche DirndlfachverkäuferInnen Urlaub. Da hüpfen bonbonbunte Pornodirndl und deren Inhalte auf und nieder, immer wieder, und gegen schrille Landhausfetzen ist jede Geisterbahn ein wahrer Kinderfasching. Zu später Stunde trägt man dann auch gerne mal nichts außer blanke Brüste. Was man genauso dringend sehen muss wie die 2.734 te Staffel von DSDS. Die C & A Lederimitathosn wiederum wird fröhlich mit Sackleinen und Turnschuhen kombiniert – nicht schlecht bei plötzlichem Fluchtbedarf, wenn dem Einheimischen angesichts dieses Frevels mal der Maßkrug ausrutscht. Da bekommt der Spruch ”eine Tracht Prügel” gleich eine völlig neue Bedeutung.

Zur Halbzeit des internationalen Bierkonsumgipfels zieht eine Karawane italienischer Hymer Mobile über den Irschenberg, die Unmengen durstiger Südländer auf den Campingplatz in Thalkirchen entlädt. Diese gießen sich dann 7 Tage lang ununterbrochen alle verfügbaren alkoholischen Flüßigkeiten ein und dekorieren sämtliche Radwege im Umkreis von zwei Kilometern mit Erbrochenem. O’kotzt is.

Überhaupt herrscht in und um die Bierzelte geistiger Ausnahmezustand. Es beginnt meist schleichend. Und endet liegend. Unterm Tisch. Das gemeine Volk fährt auf Bierbänken zur Hölle, Hölle, Hölle. Ein Teufelsrad. A-Z Promis zeigen, was sie nicht haben, Geschmack nämlich. Führungskräfte zwängen sich in Boxen – normalerweise Heimstatt für Rindviecher – und wälzen sich zu später Stunde, voll wie hundert Russen, enthemmt mit weiblichen Hendlresten in Bierpfützen. Und finden sich am nächsten Tag auf youtube wieder – nackt im Riesenrad, nur spärlich bedeckt mit Radigirlanden und einem Wiesnherzl. Fürs Leben gebranntmandelt. Kein Wunder, dass es bergab geht mit unserem Land.

Anfang Oktober verschwindet der Budenzauber genauso schnell wie er gekommen ist – dann vernebelt nur noch der Herbst den Blick auf die Theresienwiese. Und man darf endlich wieder unbehelligt Tracht tragen.

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