Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for August 2010

„Die Musik wird treffend als Sprache der Engel beschrieben” hat Thomas Carlyle gesagt. Netter Ansatz. Nur – der Mann war noch nie in der Münchner Fußgängerzone. Denn sonst wüsste er, dass nicht nur der Himmel voller Geigen hängt.

Bereits am Stachus, zwischen Müllerbrot und Rudis Resterampe, beflötet ein Student der Finno-Ugristik die Passanten mit simplen Weisen, die Kommilitonin simuliert Gesang. Sieh an, nicht nur ich bin also an der musikalischen Grundausbildung gescheitert. Ein paar Schritte weiter, bei Beate Uhse, beschwören zwei singende Sägen aus dem Ostblock seufzend die Weite der mongolischen Steppe. Was um alles in der Welt hindert sie daran, dorthin zurückzukehren und erst mal auf unbestimmte Zeit zu üben?!

Mir bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn bereits zwischen Deichmann und Schlecker geht mir der vitale Drehorgler auf die Nerven. Es ist fast unheimlich: egal wo ich hinkomme, der Hugh Hefner des Leierkastens ist schon da und jodelt sich die Tonleiter rauf und runter. Um ihn abzulenken, werfe ich 10 Cent in seinen Hut. Als er trotzdem unbeirrt weiterleiert, nehme ich mir fünf Euro wieder raus.

Ich habe hektische Flecken, als ich das Ende der Fußgängerzone erreiche und mich vom rettenden Untergrund nur noch wenige Schritte trennen. Doch plötzlich passiert das erwartet Unerwartete: fünf farbenfrohe Panflötisten hechten die Rolltreppe herauf, entfalten blitzschnell die Flickenteppiche und tröten sich den Andenwolf. Wie ein dunkler Schatten legt sich der Poncho des Grauens über meine Gehörgänge. El condor pasa … diesmal leider nicht.

Panisch stürze ich die Treppe hinunter – direkt in die Arme des ungarischen Stehgeigers. Eine sehr penetrante Musikantengattung, wie ich seit einer Klassenfahrt nach Budapest weiß. Selbst dem größten Idioten dürfte aufgefallen sein, dass der blasse Günter und ich damals keinesfalls vorhatten, uns und unsere Zahnspangen einander mehr als nötig anzunähern. Sondern die seltene Gelegenheit nutzen wollten, außer Sichtweite des Lehrkörpers Alkohol zu konsumieren. Was der Violinenfreund vergnügt und lautstark musikalisch untermalte. Der Abend endete nicht im erhofften Delirium, sondern im Krankenhaus, nachdem zunächst Günter dem Barden die Fiedel, und dieser ihm daraufhin den Unterkiefer zertrümmert hatte.

Seitdem halte ich es eher mit Wilhelm Busch: „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen.”

Read Full Post »