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Archive for März 2010

Als wäre „Bauer sucht Frau” nicht schon Strafe genug, entdeckt nun auch der Penny Markt die „neue Lust am Landleben”: Zwischen Smart Zigaretten und Wappentrunk liegt eine Zeitschrift namens „Landlust”.
Klingt erst mal nach „Wo die Lederhose juckt” und „Unterm Dirndl wird gejodelt”. Für Unbedarfte auch nach Bullerbü und Wochenenden mit Zott Sahnejoghurt.
Nur: Ich komme vom Land. Und mir ist eine derartige Lust völlig fremd.
Die im Dirndlgwand genauso wie eine mit Milchprodukt.

Doch offensichtlich orientiert sich der Stadtmensch neuerdings rustikal. Pachtet einen Schrebergarten im S-Bahn-Gleisbett und pflanzt nach jeder Autofahrt zum Bio-Metzger einen Baum. Bäckt bei abnehmendem Mond eigenes Frühlingsbrot (in einer Stadt, in der das Pfister-Öko-Sonnen-Aufkommen dreimal höher ist als die Anzahl der Einwohner, reichlich bescheuert). Entdeckt nach Feierabend alte Obstsorten und vergessenes Gemüse neu (das selbst vermutlich niemals wiedergefunden werden wollte). Füttert gefräßige Wühlmäuse und umsorgt unkrautige Kratzdisteln – nur, weil die so schön heißen.

Ich sag Euch mal was: Gemüse macht keinen Spaß. Und ich weiß, wovon ich spreche. Denn auch ich bestellte als Kind ein eigenes Beet (ach was – einen ganzen ACKER …!), das jedoch mehr dem stillgelegten Ostfriedhof glich als einer Geburtsstätte für Rohkost. Ich nannte das naturnah. Meine Eltern jedoch definierten Gartenkunst anders und so verbrachte ich manchen Nachmittag mit Radieschen statt mit den Oberstufen-Jungs im Freibad. Dabei war auch die viel zitierte frische Landluft immer unentrinnbar mit am Start – Nachbar-verbrennt-feuchtes-Holz,-der-andere-odelt,-Brauerei-braut-Gemisch. Ich persönlich weiß nun das Bukett eines guten 18-Uhr-Mittleren-Rings sehr zu schätzen. Nun gut.

Am Wochenende verlässt der naturnahe Städter dann mitunter die City-Datscha, um seinen CO2 Fußabdruck auch jenseits des Rings zu hinterlassen. Bei einer aufregenden Radtour ins Dachauer Hinterland beispielsweise. Abenteuer pur. Wo er – eins mit Mutter Natur und den anderen Peak Performern – Blumen vom Selbstpflück-Feld rupft und vermutlich nicht bezahlt (die fade, häßliche Schafgarbe will ja keine alte Sau, wo die doch umsonst wäre). Oder er geht Wandern – die unerreicht ödeste Art der Fortbewegung seit dem aufrechten Gang. Nicht mehr nur Go See am Isarufer. Sondern mit Walkingstöcken lauthals durch die Voralpen staksen, Murmeltiere verstören und das Panorama preisen. Darauf eine Buttermilch!

Ich persönlich hasse ja Panorama. Diese Berge, die sich einem permanent ungefragt aufdrängen wie Bauer Heinrich auf RTL. Die Beschaulichkeit, so lästig pittoresk. Als pubertierendes Landei will man keine Idylle, sondern ins Kino. Was ohne Mofa so unerreichbar ist wie die Ehe mit George Clooney. Man will COOLE Jungs kennenlernen, nicht Ministranten im Firm-Unterricht. RTL Explosiv schauen statt „Aus Schwaben und Altbayern” auf einem der drei Fernsehsender (bei gutem Wetter fünf). Das prägt. Als Ex-14-jährige in der Provinz ohne Kabelanschluss und Zündapp, aber mit fester Zahnspange weiß ich, was es heißt, aus Mangel an Alternativen Eichhörnchen im Wald anzusprechen. Ich bin ja schon froh, inzwischen zusammenhängende Sätze bilden zu können.

Aber nein, Landleben hat nicht nur Nachteile. Es ist die Konzentration auf die wesentlichen Dinge, die die neue Landlust weckt: Man frönt der Langeweile (Tun Sie doch mal wieder gar nichts und beobachten dabei ihren Nachbarn!), betätigt sich dorfplanerisch (Überprüfen Sie die Ausdehnung der Nachbarshecke auf den Gehsteig auf die rechtliche Zulässigkeit!) oder entdeckt das eigene schriftstellerische Talent (beispielsweise beim Verfassen eines (natürlich) anonymen Briefes an die Anni, in dem man ihr mitteilt, dass Ihr Mann, der Franz, was mit der Kassenwartin vom FC hat – aber von mir woaßt des fei ned!).

Hm, wenn ich es mir recht überlege, so schlecht ist das alles ja doch gar nicht.
Vielleicht kaufe ich mir diese „Landlust”, backe Sauerampferbrot, halte mir ein Huhn und hänge mir den Starschnitt von Bauer Heinrich übers Bett.
Und laubsäge rustikale Balkonmöbel-Unikate aus grobem Holz.
Und wenn sich die Holzspreißel dann durch die Hose in meinen Hintern bohren, denke ich an früher.

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