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Archive for November 2009

Out of Africa (Teil 2)

Nicht wackeln. Wir sind hier nicht zum Spaß.

Nach der ersten unfallfreien Nacht im Zelt klingelt um halb sechs Uhr morgens der Wecker.
Während ich mich noch frage, ob TAGE nicht eigentlich NACH deren Anbruch beginnen und ob ein Makramee-Kurs mit Tiefenentspannung auf Ibiza nicht doch die bessere Urlaubswahl gewesen wäre, höre ich es in den Nachbarzelten bereits fröhlich rumoren. Morgengrauen bekommt hier eine völlig neue Bedeutung. Ich stelle mich tot und spiele Aas. Vergebens – der Reißverschluss wird aufgerissen, ein gut gelaunter Kopf erscheint im Eingang und ignoriert meine Totenstarre. Die selbstgebastelte Steinschleuder bereits griffbereit, besinne mich dann doch eines Besseren und beschließe, zumindest anfangs einen guten Eindruck zu machen. Nicht, dass ich schon in der ersten Runde Dschungelcasting rausfliege.

Der Rest der Truppe ahmt, bereits safarifarben getarnt, Tierstimmen nach, während ich mich noch an einer Art Frisur versuche. Als ich im bunten Sommerkleid – Pink ist das neue Camouflage! – das Campinggehäuse verlasse, sind die restlichen Zelte bereits DIN-Norm-gerecht verpackt, die Isomatten auf Briefmarkengröße gefaltet und zehn beige Abenteurer sowie ein Kameraobjektiv starren mich ungläubig an. Streber! Hektisch reiße ich mein Zelt nieder und beginne Buschcamping und Beige zu hassen.

Die Plätze im Geländewagen sind so heiß umkämpft wie Liegen am Pool. Ich verliere die Schlacht und sitze hinten. Kaum ist das Dach hoch geklappt, schießen Objektive wie Pilze aus dem Fahrzeug. Es wird gespäht, was das Grünzeug hält, es rüttelt und ruckelt. Ich bleibe erst mal entspannt sitzen, schließlich habe ich Urlaub, sehe allerdings somit auch nichts. Außer fünf khakifarbenen Touristenhintern. Und Sträucher, Büsche, Sträucher, Büsche … Sowie die zweite Wahl der ortsansässigen Tierwelt: Impalas, Perlhühner, Impalas, Pukus, Impalas. Und Impalas. Zudem alle möglichen Arten von Brotbäumen: Leberwurst-, Affenbrot-, Honigbrot-, Wurstbrot- und vermutlich auch Butterbrot. Und da heißt es immer, in Afrika gäbe es nichts zu essen.

Von den Premium-Tieren jedoch keine Spur. Weder Löwen, Elefanten, Giraffen noch Leoparden. Das stand aber so im Katalog! Ich beschließe, mich sofort nach meiner Rückkehr zu beschweren. Zur Zeitüberbrückung lackiere ich meine Fußnägel, während draußen weiter afrikanisches Gebüsch an mir vorbeizieht. Hinter der Kamera über mir macht sich Unmut breit. „Also, ich denke, wir sollten mal da hinüber in die Büsche fahren, ich spüre es, da sind Löwen, die lieben Schatten.” Ich bin so froh, derart sach- und ortskundige Mitreisende zu haben. Alles, was die wissen, muss ich mir nicht merken.

Ich hoffe, die Stimmung zu steigern, als auch ich endlich etwas Tierartiges entdecke: „Dreieckiger Hund auf viertel nach neun”! Man weißt mich väterlich darauf hin, dass die Uhr auch in Afrika im Uhrzeigersinn gelesen wird und dass es sich um ein männliches Warzenschwein  (auf viertel nach drei) handelt, das – arttypisch knieend – in der Erde wühlt. Kategorie: stinklangweilig und für Anfänger. Seufzend setze ich mich wieder und bohre in der Nase. Irgendwie fehlt mir hierfür der nötige Ernst. Außerdem beschäftigen mich eh weit wichtigere Dinge: Wenn mich ein Löwe frisst, wer löscht dann meinen Facebook Account? Was passiert, wenn beim Hippo-Synchronschwimmen eins absäuft? Ist endemisch ansteckend? Und warum sitze ich nicht zuhause auf der Couch und gucke Dschungelcamp statt selbst mitzumachen?

Plötzlich Aufruhr im Wagen, alle Köpfe fahren synchron nach links herum. Dann nach rechts. Wieder nach links. Boris Becker-langweilt-sich-und-veranstaltet-Charity-Bush-Tennis for Africa? Aber nein, eine kleine Elefantenherde umzingelt den Wagen! Wurde ja auch echt Zeit! Ich ärgere mich ein wenig, die neue Kamera nicht schon vor der Reise aus der Originalverpackung genommen zu haben und versuche, den Einschaltknopf zu finden. Neben mir surrt und piepst und inszeniert es bereits fachmännisch. Meine Digicam zoomt hektisch abwechselnd Ohr und Hinterteil eines Elefanten heran. Als ich endlich den Rüssel im Visier habe, stolpere ich über einen Mitfahrer, kralle mich im Fallen an meinem Nebenmann fest – Kamerakind Horst, der offensichtlich eine Folge von Daktari dreht: „Nicht wackeln!” – reiße ihn zu Boden, wobei das Gummimonokel seiner Kamera in hohem Bogen aus dem Fahrzeug geschleudert wird. Während er fluchend und von Schadenersatz zischelnd zwischen den Stühlen klemmt, nutze ich die Gunst der Stunde und springe auf seinen Platz in der ersten Reihe. Ich habe nun unverstellte Sicht auf jegliches Freiwild – bloß blöd, dass jetzt von zwölf bis zwölf kein einziger Dickhäuter mehr zu sehen ist. Schade. Na, egal, wenn ich im Photoshop Ohr und Rüssel an ein Hippo bastele, geht das glatt als Elefant durch. Mein Widersacher kriecht noch immer auf dem Boden umher.

Dschungellektion 2: Eigentlich ja doch schade, dass man hier niemanden rauswählen kann.

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