Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Oktober 2009

Das Ziel

Das Überleben von drei Wochen mit einer deutsch-schweizerischen Reisegruppe im Busch Afrikas. Soviel vorab – die Tiere waren nicht das Problem …

Der Weg

Ich mache Urlaub in Afrika. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich will Abenteuer, wilde Tiere sehen und weite Landschaften und bunte Blumen und fremde Menschen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden, die mit allerlei exotischen Fototrophäen aufwarten, kann ich bisher nur von bayerischen Hauskatzen und gemeinen Stechmücken berichten. Das Kreuz des Südens hielt ich bislang für einen Teil des verschollenen Bernsteinzimmers, Malawi für Madonnas Kinderhort, und hätte mir jemand gesagt, Sambia wäre der neue Family Van von Opel – ich hätte es geglaubt.

Das Prinzip Expedition

Es handelt sich bei dieser Reise um eine Expedition. Heißt, mit dem Jeep durch die Wildnis fahren, auf einer Art Steinzeitcampingplatz im Zelt schlafen, und das alles mitten im afrikanischen Busch. Karg, einfach und entbehrungsreich. Oma würde sagen, wie früher. Ich stelle mich ein auf Beeren sammeln und Würmer essen. Auf die Frage nach Sicherheitsvorkehrungen – wie Bewachung oder Zäune rund um die Camps – erhalte ich vom Reiseveranstalter die unbefriedigende Antwort, ich würde sicher eine spannende Zeit haben und solle mich überraschen lassen. Was soll das denn heißen?! Überraschen wovon? Von einem Löwen, der meinen Hintern beim nächtlichen Klogang für einen Snack hält? Von der Tatsache, dass ich das so genannte „Zelt” selbst flechten muss, aus im undurchsichtigen Busch gesammelten Bananenblättern? Einer wild gewordenen Affenhorde, der man die Beeren vor der Nase weggefressen hat? Kurzfristig bekomme ich Sehnsucht nach zwei Wochen Rimini all inclusive.

Die Vorbereitungen

Wie jeder pflichtbewusste Tourist informiere auch ich mich vor meiner Reise ausführlich über Krankheiten und andere drohende Gefahren im Urlaubsland. Dazu besuche ich das Tropeninstitut. Klingt irgendwie nett, nach Malaria Tropica-Happy Hour und lecker Drinks mit Cocktailkirsche. Doch das Einzige, was einem dort gereicht wird, ist die schlaffe Hand eines blutleeren Medizinstudenten im 20.ten Semester. Dieser referiert zunächst über die Gefahren der Sonne, was mich einigermaßen irritiert, stützstrumpffarben wie er ist sieht er nicht wirklich so aus, als kenne er diesen Stern aus eigener Erfahrung. Der beige Medizinmann spricht von Typhus, Gelbfieber und Cholera, erzählt vom Angriff der Malaria-Mücken und Tollwutgefahr. Ich bin plötzlich nicht mehr sicher, ob ich in den Urlaub fahre oder in den Krieg ziehe. Das vorgeschlagene Sorglos-im-Krisenherd-Paket übersteigt meine Urlaubskasse bei Weitem, ich beweise Mut zur Versorgungslücke und entscheide mich für die preisgünstige Gelbfieberimpfung – halb so teuer wie die gegen Tollwut. Lieber irre sterben als innerlich verdörren. Gerade als er mir die Nadel in den Arm rammt, weist er mich noch darauf hin, dass in den Tagen nach der Impfung auftretende Erkältungssymptome sowie Fieber bis 40 Grad völlig normal seien, da es sich um einen Lebendimpfstoff handele. Spinnt der? Der soll mich GEGEN, nicht MIT Grippe impfen, noch dazu lebendiger! Ich spüre förmlich, wie Tausende kleiner Viren fröhlich aus der Kanüle in meine Blutbahn hechten und dort kleine Brandherde legen. Als er dann noch erwähnt, dass die Malaria-Prophylaxe bei vielen zu Depression, Alpträumen und Aggression führt, beginnt letztere schon aufzukeimen, bevor ich je eine Tablette genommen habe. Aggressiv, überhitzt UND irre, dazu brauche ich keinen Urlaub … da reicht einmal im Hochsommer mit dem Radl auf den Mittleren Ring, linke Spur. Zu guter Letzt fragt mich der Aushilfs-Scharlatan noch nach der Art der Reise. Meine Antwort, Expedition ins afrikanische Nirgendwo, treibt ihm Sorgenfalten ins Gesicht. Ob ich da freiwillig hinfahre, will er wissen. Nein! Ich muss aus Bayern fliehen, weil meine Nachbarn Wind davon bekamen, dass ich in meiner Wohnung illegal eingewanderte Wollmäuse beherberge. Was glaubt der denn, natürlich fahre ich da freiwillig hin! Er legt mir noch eine Liste mit Medikamenten für die Reiseapotheke ans Herz, unter anderem Sportsalbe. Wozu das? Durch den afrikanischen Busch zu joggen hat ungefähr genau den gleichen Effekt wie mit rohen Fleischlappen behängt durch ein Löwenrudel zu tanzen. Einen sehr unschönen nämlich.

1 Nachts sind alle Elefanten groß

Beim Aufbau des Zelts – zu meiner Erleichterung handelsübliche, leicht verständliche Campingware – hilft mir die Tatsache, weiblich, einigermaßen jung und aus der Großstadt zu sein – und ein verzweifelter Augenaufschlag. Ich verzichte aufgrund meines Überlebenswillens auf den unverstellten Blick auf Wasser und darin enthaltene Hippos und parke in zweiter Reihe. Denn: Never get between the hippo and the water. Ich diskutiere mit den Nachbarn noch die Möglichkeit einer Zeltwagenburg mit Handtuch-Ohren zur optischen Täuschung von Elefanten, hänge das mitgebrachte Hirschgeweih auf (soviel Heimat muss sein) und bastele eine Steinschleuder, um damit angreifende Löwen in die Flucht schleudern zu können. Immer zwischen die Augen zielen. Jeder, der schon einmal in Afrika war, schwärmt von den Geräuschen der Nacht. Von Leopardengebrüll, kreischenden Affen, Elefantentröten und nahem Hyänenlachen. Auf Cassette sicherlich entzückend. In real wildlife möchte ich allerdings nur ungern den Atem eines Hippos in meinem Nacken spüren, das neben meinem Zelt vor ich hinschmatzt. Ich möchte nachts auch auf keinen Fall irgendeine Form von Aussicht, der Sternenhimmel ist mir schnuppe, so großartig er auch sein mag. Man kann alles übertreiben. Mit Ohrenstöpseln, Schlafbrille und über dem Kopf verknoteten Schlafsack falle ich hermetisch abgeriegelt in einen erholsamen Schlaf. Um drei Uhr morgens jedoch weckt mich meine volle Blase. Mir fällt ein, dass ich meinen mobilen Nachttopf, aus einem Kanister gebasteltet, vor dem Zelt vergessen habe. Ich konzentriere mich eine halbe Stunde lang auf Wüste, Wüste, Wüste. Dürre. Es hilft alles nichts, ich muss mein sicheres Versteck verlassen. Umständlich pople ich die Stöpsel aus den Ohren – und erstarre prompt: hinter der Zeltwand – unmittelbar neben meinem Kopf – höre ich ein seltsames Geräusch, ein gleichmäßiges zzzzzzzzz, zzzzzzz, zzzzzzzzzz. An Schlaf ist nun eh nicht mehr zu denken. Panik ergreift mich, ich tappe im Dunkeln nach der Steinschleuder, vergebens, entscheide mich schließlich für Nagelfeile und Deospray zur Abwehr eines eventuellen Hippo-Angriffs, Mädchen sein zahlt sich im Busch eben doch aus. Mit zitternden Fingern öffne ich in Zeitlupe den Reißverschluss, Millimeter für Millimeter, linse durch ein kleines Loch vorsichtig nach draußen und entdecke – nichts. Garnichts. Niente. Nur Sternenhimmel, großartig und klar. Ich linse nach links, linse nach rechts, nicht die Spur einer Gefahr! Auch das Geräusch ist verstummt … Ich atme erleichtert auf. Ich Anfänger! Pah! Übermütig reiße ich den Reißverschluss auf, springe beschwingt nach draußen, tanze singend an der Zeltstange, pfeife ein Liedchen, schlage ein Rad – als sich plötzlich ein großer Schatten zwischen mich und den Sternenhimmel schiebt. Ein afrikanischer Flugsaurier? Hyäne auf der Suche nach einer neuen Geschmacksrichtung? Ich hoffe naiv auf eine Wolke. Ich turne nun nicht mehr. Pfeife auch nicht. Vor meinem geistigen Auge zieht mein Leben vorbei, ich danke leise murmelnd Eltern, Nachbarn und Freunden, bedauere, dass nichts von mir zum Begraben übrig bleibt. Wie gerne wäre ich als Asche über den Alpen verstreut worden. Es bleibt nur die Flucht nach vorn! Als ich nach dem Deospray greife und zum Angriff übergehen möchte, gibt der Schatten plötzlich kratzige Laute von sich, zunächst unverständliche, seltsame, dann sprachähnliche, die sich nach und nach als astreines Schwytzerdeutsch entpuppen: „Ja, gruezi, die Luft ist rein, kannst rauskommen, hier hat’s gar keine Hippos nicht …” … Ich kauere am Boden und blinzele verstört. Meine Schweizer Mitreisende schüttelt verwundert den Kopf, verschwindet in ihrem Zelt und zieht – zzzzzz, zzzzzz, zzzzz – den Reißverschluss zu.

Dschungellektion 1: Never get between the Schweizer and his tent.

Read Full Post »

Read Full Post »

Ich gehe an einem verregneten Sonntag Nachmittag ins Museum. Allein. Also, ich allein mit 200.000 anderen. Um in Ruhe die Bilder des äußerst angesagten Fotografen Gursky zu betrachten (von dem ich bis dato nie gehört hatte, aber Hunderte hipper Design-Szenetypen können nicht irren). Ich erstehe eine Eintrittskarte zu 9,50 € (was an sich schon eine Frechheit ist – aber ich vermute, ein Teil des Geldes geht an einen elternlosen Affen in Turkmenistan) und erhalte damit zusätzlich zur Hauptausstellung freien Eintritt zur Performance von Yayoi Kusama, der „princess of dots”. Einer durchgeknallten Japantussi, die das Foyer mit drollig rosa-schwarz gepunkteten Ballons vollgeräumt hat. Dufte. „Yayoi Kusamas Kunst wirkte lange Zeit verstörend.” Was heißt hier „wirkte”? Die spinnt ja offensichtlich immer noch. „Für ihr vielseitiges Werk stand lange kein geeignetes Vokabular zur Verfügung.” Stimmt, auch mir fehlen die Worte. Meine engagierten Kulturgenossen zeigen sich da toleranter. „Revolutionär, diese Formen, diese Farben.” Rosa-schwarze Ballons, revolutionär … Ich frage mich, was die wohl beim Anblick der Bälle im IKEA Smaland sagen. „Wunderbar, diese Formen, die Farben.” In denen darf man sich wenigstens räkeln (sofern man unter 6 Jahre alt ist), muss die Schuhe nicht ausziehen und kann sich ausrufen lassen, wenn man die Schnauze voll hat – und das GRATIS. Sollten die im Museum vielleicht auch mal drüber nachdenken – nämlich in den lustigen Großraumballons der Asiatenprinzessin Kindertagesstätten einzurichten, da schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Aber ich will ja nicht kleingeistig sein und wende mich völlig unvoreingenommen der Hauptausstellung von Gursky zu, dessen Spezialität Haufen zu sein scheinen. Anhäufungen von Unrat, Gebirgen, Kabeln, Inseln, Lebensmitteln – und Menschen. Leider kann ich nicht immer erkennen, ob diese Teil des Fotos sind oder die 200.000 anderen Museumsbesucher, die sich davor drängeln. Ich versuche, mich interessiert und entspannt durch die Räume treiben zu lassen, schlendere jedoch alle zwei Sekunden gegen Studenten, Rentner, Kinder, Intellektuelle und Familien und beginne, Gursky als überwertet zu betrachten.

Vor einem Foto mit mehreren Pfeilern und einer Brücke drüber reißt gerade eine (vermutlich Internationale-BWL-) Studentin die Arme in die Höhe und schreit ihre (vermutlich Informatik-) Studentenkumpels an: „Diese Zusammenstellung, diese Wiederholung der Formen im Motiv. Goldener Schnitt. Genial, wie der das komponiert hat.” Spinnt die? Wie der das KOMPONIERT hat? Die Brückenpfeiler haben vermutlich schon die ollen Römer aufgestellt, weil sie den Fluss überqueren wollten und Freund Gursky kam da halt an einem Sonntag Nachmittag vorbeigeradelt und hatte zufällig nen Fotoapparat dabei. „Und was der sich dabei GEDACHT hat, fantastisch!” Was der sich dabei gedacht hat? Vermutlich  „Mist, ich hab das Klofenster offen gelassen und jetzt regnet es rein.” Oder „Esse ich heute Abend Dosenravioli oder Fertigpizza?” Klick.

Vor dem nächsten Bild schlagen sich gerade zwei intellektuelle kleinkarierte Kinder mit ihren Kaleidoskopen aus dem Museumshop die Köpfe ein und reißen dabei fast ein Foto mit 30.000 synchron tanzenden Koreanern von der Wand. „Julius, Leopold, jetzt seid’s doch mal lieb zueinander, hm?” Ungerührt zerlegt Julius plärrend das Fernrohr des Bruders. Der stolze Vater im Loden Frey-Janker lächelt gütig und versucht seinen Sprößlingen im gepflegten Münchnerisch die Kunst nahe zu bringen. „Schau mal, Julius, diese vielen Menschen in immer der gleichen Haltung, die Wiederholung, das Serielle, interessant, gell?“ Ich bin versucht, den kleinen Grünwald-Terroristen meinen Knirps-Regenschirm zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen. Oder sie ins IKEA Smaland zwangseinweisen zu lassen.

Ich verliere schnell die Lust an der Kunst und wende mich dem Ausgang zu. Im ballonrosa-schwarzen Vorraum angekommen, höre ich, wie eine Besucherin ihre Freundin fragt: „Sollen wir mal fragen, wo die Ausstellung von dieser Japanerin ist?”. Ich muss grinsen. Schön, dass ich nicht die Einzige bin, die nichts von Kunst versteht …

Read Full Post »

Neulich gehe ich Haarwaschmittel kaufen.

Es ist ein schöner wolkenloser Tag und ich gehe nicht wie gewohnt zu Lidl, sondern ins Kaufhaus der Sinne. Der erste Sinn, der mir da begegnet, ist der Geschäftssinn einer emsigen Verkäuferin, die bei meinem Anblick großes Geschäft wittert: „Ah, ich sehe schon, Sie haben feines Haar”.

Die ersten Wolken ziehen auf. Ich habe KEIN feines Haar. Ich war schon als Kind die Königin der Haarpracht. Ich musste mein Haar kurz tragen, da es sonst das Gewicht meines Schulranzens überschritten und durch seine Last meinen Kopf in den Rumpf gedrückt hätte (also, ich hätte dann jetzt praktisch keinen Hals.) Die anderen Kinder suchten sogar Schutz im Schatten meiner Frisur. Ich bin ja auch der Meinung, dass ich drei Zentimeter größer geworden wäre, wären die dicken Haare nicht gewesen.

Aber ich gebe der Frau noch eine Chance. Auch, wenn sie 50 ist und unsympathisch und selbst durchsichtiges Haar hat. Ich gucke mir die Sachen alle so an, die da im Regal stehen, und greife dann einfach mal so zur „Be Curly” Haarpflegeserie. Sofort ist die rüstige Haarexpertin neben mir und reißt mir die Flasche aus der Hand. „Ja, wunderbar – WENN Sie gewelltes Haar haben!”. Ich HABE gewelltes Haar. Es ist nur vielleicht gerade etwas fettig, das zieht an der Locken.

Ich lasse mich nicht beirren und das putzige 30 ml-Fläschchen für 17 Euro landet im Körbchen. Da hiermit das heutige Budget für Körperpflege ausgeschöpft ist, wende ich mich zum Gehen, als hinter mir 1,50 m geballte Spannkraft kreischen: „Aber Sie müssen den Haarschaft schließen!” Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Im Gottes willen, wie konnte ich das nur vergessen?? Ein ungeschlossener Haarschaft ist ja schlimmer, als das Bügeleisen anzulassen, wenn man sechs Monate auf Weltreise geht oder ein Koffer, der herrenlos im gleichen Zugabteil reist! Während ich noch überlege, ob das wohl die Stelle ist, wo das Haar aus dem Kopf rauskommt oder das andere Ende, hält mir der Kosmetikzwerg schon eine Tube unter die Nase. „DAS müssen Sie nach der Wäsche in das Haar einarbeiten, bevor Sie die Stylingprodukte verwenden.” Die Frau überschätzt mich. Welche Stylingprodukte? Bürste und Föhn? Bevor ich abwinken kann, liegt das Haarschaftwunder neben dem Shampoo. Und als wüsste Frau Wellaflex, dass ich mich gerade kurz vor einem Kaufhaus-Amok befinde, versucht sie es mit einem Kompliment. „Sehen Sie mal, das hier ist genau das richtige Farbpflege für Ihren goldenen Haarton.” Auch, wenn ich mich dagegen wehre, fühle ich mich doch geschmeichelt. Goldenes Haar! Etwas besser gelaunt packe ich das Goldlöckchen-Extrakt zu den anderen Waschmitteln. Die Haarfrau strahlt und macht sich vermutlich innerlich über mich lustig. An der Kasse verziehe ich keine Miene, auch, wenn gerade der Betrag eines Monatseinkaufs bei Lidl von meinem Konto abgebucht wird. Mir egal, ich habe goldene Haare. Und wenn die Flaschen leer sind, füll ich einfach Schauma nach

Read Full Post »

Lebenslänglich

Als unbedarfter Bürger unfreiwillig als Schöffe ausgewählt zu werden ist in etwa so wahrscheinlich wie eine Tüte mit mehr weißen als roten Gummibärchen zu erhaschen oder nicht mit Boris Becker verlobt gewesen zu sein. Ich aber muss nun vier Jahre lang im Namen des Volkes über Menschen am Rande der Gesellschaft richten. Ich würde lieber wandern gehen.

Meine erste Amtshandlung ist ein Busausflug in die JVA Stadelheim. Mit all den anderen Schöffen, die weit mehr Enthusiasmus zeigen als ich, höchst interessiert Fragen stellen, politisch korrekt entsetzt die Zellen inspizieren, kopfschüttelnd den Schilderungen von Greueltaten lauschen und wild entschlossen sind, dem Rechtsstaat gute Diener zu sein. Ich hingegen werde bei dem Versuch erwischt, meine Nagelfeile gegen eine Zigarette einzutauschen und erhalte prompt meine erste Abmahnung. Hat mir vorher ja keiner gesagt, dass die Gefangenen hier aussehen wie der Hausmeister. Und schon vergeht mir die nie da gewesene Lust auf Rechtssprechung.

Ich versuche von nun an alles, um in Ungnade zu fallen. Ich parke mit dem Tagesparkschein vom Gericht im absoluten Halteverbot und berufe mich auf meine Immunität. Behaupte pauschal, mit Angeklagten verwandt oder verschwägert zu sein, lese am Richtertisch Fix & Foxi und produziere ellenlange Wollwürste mit der Strickliesel (hat irgendjemand je den Sinn dieses Handarbeitsutensils verstanden?). Ich packe während der Verhandlung mein Wurstbrot aus und biete dem Angeklagten an, mit ihm zu teilen, wenn er mir im Gegenzug was von dem verschwundenen Marihuana abgibt. Einmal überrasche ich das Hohe Gericht gar mit einem kleinen Hämmerchen, wie ich es beim Königlich Bayerischen Amtsgericht gesehen habe und klopfe zu jeder Frage den Takt. Worauf die Zuschauer im Saal mit Irritation reagieren und der Richter mit einem
Ordnungsgeld. Spielverderber. Hier herrscht generell Spaßverbot. Aber wie soll auch Partystimmung aufkommen in einem Sitzungssaal, der in den Farben der deutschen Polizeiuniform gehalten ist? Würde sich ein Justizvollzugsbeamter auf den Boden legen, man hielte ihn für einen Teppich, so gut fügt er sich ins farbliche Gesamtbild.

Alsdann mache vom (tatsächlichen existierenden) Begriff des Schlafenden Schöffen Gebrauch. Das Plädoyer des Staatsanwalts erlebe ich nur noch im Dämmerzustand, spätestens beim Gutachten von Prof. Dr. Dr. med. dent. nat. rer. Müller-Maierhuber schlummere ich ein, und wache erst wieder auf, als ich vom Sitz rutsche und mit dem Kopf auf die Massivholztischplatte knalle. Was der Richter mit einem indignierten Blick und einer weiteren Verwarnung ahndet. Jetzt ist das Strafmaß voll, ich habe nun wirklich keine Lust mehr. Bei der Urteilsfindung opponiere ich wie immer aus Fleiß und plädiere für lebenslang. Ich nehme doch nicht den weiten Weg von Giesing nach Neuhausen auf mich, um den Angeklagten freizusprechen. Das kann ich auch telefonisch. Unter drei Jahren geht da nix, mildernde Umstände hin oder her. Eine günstige Sozialprognose ist auch kein Argument, die hab ich ja noch nicht mal selbst. Gut, der Richter und mein Mitschöffe überstimmen mich, wie immer, zwei gegen einen, einfach ungerecht Aber
keiner kann mir vorwerfen, ich hätte keinen Einsatz gezeigt.

Und als ich das letzte Mal das Gericht Richtung Tiefgarage verlasse und in den Lift einsteige, steht Boris Becker vor mir. Es gibt also doch noch Gerechtigkeit. Aber vielleicht hat der sich ja freiwillig beworben.

Read Full Post »

Früchterliches

Neulich im Supermarkt beginne ich an meinem Verstand zu zweifeln.
Ich bin gerade dabei, in der Obst- und Gemüseabteilung den Unterschied zwischen grün-gelb-roten, gelb-rot-grünen, rot-gelb-grünen und rot-grün-gelben Äpfeln herauszufinden, als ich ihn bemerke. Den Gemüseflüsterer.

Besagter Herr steht neben mir und spricht mit dem Grünzeug. Ein ausgewachsener Mann im Anzug, der leise in den Salat hineinmurmelt. Er unterhält sich ausführlich mit dem Rucola über das Meeting am Vormittag, plaudert mit dem Radicchio über seine Sekretärin und fragt den Rettich so Sachen wie: Hast Du eigentlich Hans schon angerufen?. Leider kann ich nicht verstehen, ob bzw was die Rauke dazu zu sagen hat. Irritiert starre ich den Mann an, bis dieser mich freundlich anlächelt und mir zunickt. Ich griene schief zurück und bringe mich vorsichtshalber hinter einer Kiste Lauch in Sicherheit. Ungeachtet dessen befühlt der grüne Daumen dann eine Papaya, fragt nach deren Tag, drückt an einer Mango herum und lacht in sich hinein. Danach erkundigt er sich bei den Bananen, ob denn auch Helga mit zum Abendessen käme. Das ist nun wirklich zu viel des Guten! Durch das Basilikum hindurch beobachte ich befremdet das seltsame Schauspiel.

Gerade als der Grünfink den Gurken zuleibe rückt, tippt mir die Tengelmann-Vitaminbeauftragte auf die Schulter und möchte mir die Vorzüge des brandneuen Five-Fruits-a-day-Yummy-Tasty-Smoothie mit über einer Million rechtsdrehender Öko-Bio-Omegasäuren nahe bringen. Abgesehen davon, dass ich schon allein das Wort nicht verstehe, habe ich jetzt keine Zeit für solchen Fruchtfirlefanz. Ich schubse die Safthostess beseite und schleiche mich mit einem Bund Petersilie getarnt an den seltsamen Vogel heran. Dieser scheint sich gerade prächtig mit den Avocados zu amüsieren. Ich überlege, ob es wohl einen Begriff für diese Art von Zuneigung gibt. Dem Obst verfallen.

Vielleicht ist so ein Zwiegespräch ja auch eine neue Art von Selbstfindungstraining. Und ich bin wieder die letzte, die davon erfährt. Gurken sind vom Mars, Radieschen von der Venus. Sorge Dich nicht, reife! Und da die Dinge ja meist nicht da zu finden sind, wo man sie vermutet, beweise ich Mut zu Neuem und beschließe, es dem Herrn nachzutun: Ich spreche einen Salatkopf an. Zunächst versuche ich es mit politischen Themen, doch als das Kraut keinerlei Reaktion zeigt – kann ja eh nicht anders als Grün wählen –  entscheide ich mich für Small Talk, erzähle ich ein bisschen von mir und meinen Hobbies, so zum Aufwärmen. Dabei entgeht mir, dass sich um mich herum langsam eine Traube von Menschen bildet, die mich fassungslos anstarren, mit dem Finger auf mich zeigen und miteinander tuscheln. Diese armen Ignoranten! Ich Vorreiter! Ich bin voll in meinem Element und erzähle den Auberginen gerade von meinem Chef, als mein Komplize, meine Inspiration von vorhin, in meinem Sichtfeld auftaucht. Verschwörerisch zwinkere ich ihm zu. Er ist peinlich berührt und während er sich wegdreht, sehe ich den Knopf in seinem Ohr. Während er nach seinem Handy tastet,  flüstert er leise: Ich muss aufhören, Schatz, in diesem Supermarkt sind lauter Verrückte. Dann legt er auf.

Read Full Post »

Hello world!

Welcome to WordPress.com. This is your first post. Edit or delete it and start blogging!

Read Full Post »