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Niveaulimbo

Ich habe ein neues Hobby, ich schaue „Bauer sucht Frau”. Heimlich natürlich, denn offiziell bin ich darüber ja so was von entrüstet!! Schließlich bilde ich mich mit dem Literarischen Quartett weiter! Und da ist es mir auch völlig egal, dass es das seit 1893 nicht mehr gibt!

Obwohl ich erst bei Staffel 378 eingestiegen bin, habe ich blitzschnell den Bogen raus und entwickle bereits nach zwei Minuten ein gutes Gespür für landwirtschaftliche Liebe. Ich hege sofort Sympathie für den lebenslustigen Ludwig, der seine muntere Münsterländerin Maria gerne mit einem selbstgeschmierten Schnittlauchbrot überrascht. Der miesepetrige Milchbauer Manfred hingegen kann mein Herz so gar nicht gewinnen – da könnte er mir noch so viele kuschelige Kräuterkissen kredenzen, wie er wollte.

Ich stelle bald fest: Der Bauer an sich verliert sein Herz in Windeseile. Kaum verpasse ich mal eine Folge, hat sich die emsige Endreißigerin Erika bereits den adretten Ackerbauern Achim geangelt und somit die pingelige Postbotin Petra aus dem Rennen geworfen. Denn auch, wenn Erikas Aussagen nur mit Untertiteln zu verstehen sind, weiß sie doch, wie man ein leckeres Lauchgericht zubereitet. Liebe geht eben durch den Magen. Auch durch den der Wiederkäuer.

Der warmherzige Westfale Willi hingegen übertreibt in dieser Hinsicht jedoch ein bisschen, als er der flotten Frisörin Friederike das Ferkel, das er ihr beim ersten Date geschenkt hat, zur Verlobung in Form von Wurst-Herzen serviert. Da stehen selbst dieser freundlichen Frohnatur die Haare zu Berge – sie flüchtet sich in die Arme des sexy Schweinebauern Simon. Doch auch hier droht Ungemach, denn die linke Losverkäuferin Liliane lässt nichts unversucht, das junge Glück zu stören. Ich bin fasziniert. Gegen diese Intrigen war „Denver Clan” der reinste Ponyhof! Begeistert hole ich eine Tüte Chips.

Als ich wiederkomme, überschlagen sich bereits die Ereignisse: Auch Landwirt Ludwig kann seine Zuneigung zur fröhlichen Frisörin Friedel nicht mehr verbergen und mäht Kornkreis-große Herzen ins Weizenfeld. Nur blöd, dass es sich dabei nicht um sein eigenes handelt, sondern um das von Ackerbauer Achim aus Folge 382, der sich alsbald von adrett in agressiv verwandelt. Dessen verschmähte Verehrerin wiederum, die pfiffige Petra, sieht nun ihre Chance und wirft sich zwischen die Streithähne ins Getreide. Schon bald ist eine schaurige Schlägerei im Gange, der selbst die flott frisierte und immer informierte Inka nicht Herrin wird. Man flüchtet sich in den Landliebe-Werbeblock.

Wieder zurück, hat die kesse Kellnerin Katja bereits den (ehemals) heiteren Horst um Haus und Hof gebracht und der senile Schäfer Siegfried spielt seiner Sachbearbeiterin Sabine im Stall ein Ständchen. Was weiter im Weizen geschah, kann man derweil nur erahnen. Doch es ist auch nicht weiter wichtig: denn in Niedersachsen hat der galante Gemüsebauer Georg die rüstige Rentnerin Rosi zum Fressen gern. Und das ist doch die Hauptsache.

Also merke:
Wer Heu genug im Stalle hat, dem wird die Kuh nicht mager.
Wer eine schöne Schwester hat, der hat bald einen Schwager.

O’kotzt is

Ich mag München. 50 Wochen im Jahr könnte man sogar von Liebe sprechen. Außer in den letzten beiden Septemberwochen, da kriselt es gewaltig. Dann drängt sich die bierselige Bavaria zwischen uns und gewährt auf der Wiesn nicht nur ungewollte Einblicke in Dekolletés, sondern auch in andere menschliche Abgründe.

Zusammen mit den Brauereirössern und dem Oberbürgermeister hält der außerirdische Folklore-Wahnsinn Einzug. Man sagt ja, Trachtenkauf sei beratungsintensiv. Demnach hatten in letzter Zeit sämtliche DirndlfachverkäuferInnen Urlaub. Da hüpfen bonbonbunte Pornodirndl und deren Inhalte auf und nieder, immer wieder, und gegen schrille Landhausfetzen ist jede Geisterbahn ein wahrer Kinderfasching. Zu später Stunde trägt man dann auch gerne mal nichts außer blanke Brüste. Was man genauso dringend sehen muss wie die 2.734 te Staffel von DSDS. Die C & A Lederimitathosn wiederum wird fröhlich mit Sackleinen und Turnschuhen kombiniert – nicht schlecht bei plötzlichem Fluchtbedarf, wenn dem Einheimischen angesichts dieses Frevels mal der Maßkrug ausrutscht. Da bekommt der Spruch ”eine Tracht Prügel” gleich eine völlig neue Bedeutung.

Zur Halbzeit des internationalen Bierkonsumgipfels zieht eine Karawane italienischer Hymer Mobile über den Irschenberg, die Unmengen durstiger Südländer auf den Campingplatz in Thalkirchen entlädt. Diese gießen sich dann 7 Tage lang ununterbrochen alle verfügbaren alkoholischen Flüßigkeiten ein und dekorieren sämtliche Radwege im Umkreis von zwei Kilometern mit Erbrochenem. O’kotzt is.

Überhaupt herrscht in und um die Bierzelte geistiger Ausnahmezustand. Es beginnt meist schleichend. Und endet liegend. Unterm Tisch. Das gemeine Volk fährt auf Bierbänken zur Hölle, Hölle, Hölle. Ein Teufelsrad. A-Z Promis zeigen, was sie nicht haben, Geschmack nämlich. Führungskräfte zwängen sich in Boxen – normalerweise Heimstatt für Rindviecher – und wälzen sich zu später Stunde, voll wie hundert Russen, enthemmt mit weiblichen Hendlresten in Bierpfützen. Und finden sich am nächsten Tag auf youtube wieder – nackt im Riesenrad, nur spärlich bedeckt mit Radigirlanden und einem Wiesnherzl. Fürs Leben gebranntmandelt. Kein Wunder, dass es bergab geht mit unserem Land.

Anfang Oktober verschwindet der Budenzauber genauso schnell wie er gekommen ist – dann vernebelt nur noch der Herbst den Blick auf die Theresienwiese. Und man darf endlich wieder unbehelligt Tracht tragen.

Das Phantom der Orgel

„Die Musik wird treffend als Sprache der Engel beschrieben” hat Thomas Carlyle gesagt. Netter Ansatz. Nur – der Mann war noch nie in der Münchner Fußgängerzone. Denn sonst wüsste er, dass nicht nur der Himmel voller Geigen hängt.

Bereits am Stachus, zwischen Müllerbrot und Rudis Resterampe, beflötet ein Student der Finno-Ugristik die Passanten mit simplen Weisen, die Kommilitonin simuliert Gesang. Sieh an, nicht nur ich bin also an der musikalischen Grundausbildung gescheitert. Ein paar Schritte weiter, bei Beate Uhse, beschwören zwei singende Sägen aus dem Ostblock seufzend die Weite der mongolischen Steppe. Was um alles in der Welt hindert sie daran, dorthin zurückzukehren und erst mal auf unbestimmte Zeit zu üben?!

Mir bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn bereits zwischen Deichmann und Schlecker geht mir der vitale Drehorgler auf die Nerven. Es ist fast unheimlich: egal wo ich hinkomme, der Hugh Hefner des Leierkastens ist schon da und jodelt sich die Tonleiter rauf und runter. Um ihn abzulenken, werfe ich 10 Cent in seinen Hut. Als er trotzdem unbeirrt weiterleiert, nehme ich mir fünf Euro wieder raus.

Ich habe hektische Flecken, als ich das Ende der Fußgängerzone erreiche und mich vom rettenden Untergrund nur noch wenige Schritte trennen. Doch plötzlich passiert das erwartet Unerwartete: fünf farbenfrohe Panflötisten hechten die Rolltreppe herauf, entfalten blitzschnell die Flickenteppiche und tröten sich den Andenwolf. Wie ein dunkler Schatten legt sich der Poncho des Grauens über meine Gehörgänge. El condor pasa … diesmal leider nicht.

Panisch stürze ich die Treppe hinunter – direkt in die Arme des ungarischen Stehgeigers. Eine sehr penetrante Musikantengattung, wie ich seit einer Klassenfahrt nach Budapest weiß. Selbst dem größten Idioten dürfte aufgefallen sein, dass der blasse Günter und ich damals keinesfalls vorhatten, uns und unsere Zahnspangen einander mehr als nötig anzunähern. Sondern die seltene Gelegenheit nutzen wollten, außer Sichtweite des Lehrkörpers Alkohol zu konsumieren. Was der Violinenfreund vergnügt und lautstark musikalisch untermalte. Der Abend endete nicht im erhofften Delirium, sondern im Krankenhaus, nachdem zunächst Günter dem Barden die Fiedel, und dieser ihm daraufhin den Unterkiefer zertrümmert hatte.

Seitdem halte ich es eher mit Wilhelm Busch: „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen.”

Wir sind Deutschland. Mit neuem Hobby Massen-Hysterie.
Früher war es egal, ob in China ein Sack Reis umfiel. Heutzutage kettet sich vorher garantiert ein deutscher Greenpeace-Aktivist dran.
Jede Mücke wird zum (Baby-)Elefanten – und wenn der im Münchner Zoo dann auch noch tot umfällt, schreiben ganze Schulklassen Abschiedsbriefe, legen Kränze nieder und zünden Kerzen an. Der Trauergottesdienst wird bundesweit auf Großbildleinwänden übertragen. Public Funeralling. Daher muss auch die bevorstehende Hochzeit von Kronprinzessin Victoria verschoben werden, heiratet ja eh nur einen Fitnesstrainer. Sorry Vicky, DU bist SCHWEDEN, nicht Deutschland.

Eine landesweite Aufregung jagt die andere. Kollektives Hyperventilieren. Ich habe schon gar keine Zeit mehr, mal so richtig ausführlich hysterisch zu sein – und weiß nicht, über was ich mich zuerst aufregen muss. Kaum habe ich mich für ein singendes Schulmädchen begeistert, das unbeholfen durch die Medien hampelt (was die Fischer Chöre seltsamerweise schon seit Jahren völlig UNBEHELLIGT tun), schon muss ich den Abschied des Bundespräsidenten beweinen. Und Heidi Kabel. Und Heidi Klums Fernsehsendung. Was für ein emotionaler Stress! Aus Versehen hab ich auch schon um den Papst getrauert, dabei ist der ja noch gar nicht tot, sondern nur gegen Kondome.

Und dann kommt zu allem Überfluss noch diese WM. Kaum haben WIR den Grand Prix gewonnen (ich war die hinten links im Background), müssen WIR auch schon wieder Fußball spielen (auch da bin ich links hinten, oder heißt das links außen? Egal, Hauptsache, ich stehe nicht im Abseits). Dass WIR da mal nichts durcheinander bringen. Ich sehe schon die Schlagzeile: ”Unser Held Schweini (heißt jetzt Schweinsteiger) singt Deutschland zum Sieg”. Ui, darf man solche bösen Sachen überhaupt noch sagen, Held? Und Sieg? Oder müssen WIR uns jetzt wieder kollektiv entrüsten? Und das ZDF sich für uns alle entschuldigen?

Mir ist es eigentlich inzwischen alles wurscht, ich habe ein Ganzjahresfähnchen fürs Auto, das ich in den Wind hänge. Und je nachdem, von wo er bläst, bin ich entweder entrüstet, bestürzt, euphorisch oder begeistert. Aber immer Deutschland.

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Eine viel effektivere Art, Anschluss zu finden, ist die Anschaffung eines Haustieres. Bei der Wahl der Tierart sollte man allerdings einige Regeln beachten: Eine Schildkröte beispielweise erhöht den Flirtfaktor nur mäßig. Außer man wohnt im Terrarium oder wirft das Tier vor den Augen eines potentiellen Kandidaten in die Isar (Können Sie mir bitte helfen, ich dachte, ALLE Schildkröten können schwimmen?! *blödschau*). Hält man sie jedoch zuhause, sind die Chancen auf den Traumpartner gering – es sei denn, der Klempner hat neben der Schwäche für undichte Rohre eine für verschnarchte Reptilien.

Hunde hingegen scheinen die Attraktivität ihres Besitzers ins Unermessliche zu steigern. Was sich mir beim Anblick so mancher Kreatur jedoch nicht so ganz erschließen mag.

Es gibt drei Kategorien von Hunden: Hund-Hunde, Zitter-Hunde und Teppichratten. Zur Kategorie „Hund-Hunde” zählen die, die auch als solche zu erkennen sind: Schäferhunde, Huskys, Setter und irische Wolfshunde beispielsweise (wobei mir ein Rätsel ist, wie man ein Tier mit der Größe einer Schrankwand in einer Großstadtwohnung unterbringt – zumindest scheint er die Anschaffung eines SUVs zu rechtfertigen, den man in der Stadt ansonsten genau so dringend braucht wie einen irischen Wolfshund). Diese Kategorie Hund gehört allerdings meist zu Menschen, die neben Hund und Cayenne auch eine glückliche Beziehung, drei reizende Kinder mit tollen Noten und ein hübsches Haus in Harlaching besitzen.

Bleiben noch die handtuchartigen Zitter-Hunde und die Teppichratten. Bei Windhunden z.B. handelt es sich um Zitter-Hunde. Sie bestehen aus selten behaarter Haut und Knochen, halten Eichhörnchen für lebensbedrohlich und drücken sich schwanzeinklemmend und – eben – zitternd an den Besitzer, sobald der Wind leise ein Blatt vom Baum weht. Diese Tieren möchte man ein Chappi-Zwangsabo schenken oder eine Nacht mit Lassie. Die Besitzer scheinen zumeist geistig der Welt entrückt, umarmen in ihrer Freizeit Bäume und wiegen höchstens drei Kilo mehr als ihr Hund. Wer will schon mit jemanden am Frühstückstisch sitzen, dessen geistiges Fassungsvermögen kaum größer ist als der Magen seines Haustiers?

Bleiben also die Teppichratten, wie der Chihuahua (klingt wie Banane und hat auch deren Größe) und all seine mikroskopisch kleinen Freunde mit zumeist unaussprechlich chinesischen Namen. Beim Gassigehen erleidet der Kleinsthund bereits nach drei Menschenschritten (= 1.347.987 Chihuahua-Schritten) einen Herzinfarkt, falls er diesem nicht schon beim Anblick Paris Hiltons erlag. Susi, Daisy, Popo und Pipi werden im Designer-Labor zusammengebastelt, mit albernen Schleifen garniert und in der farblich passenden Krokotasche angeliefert. Und immer dann von F-Promis gekauft, wenn die Putzfrau das Vorgängermodell aus Unachtsamkeit einsaugte. Dabei ist die Teppichratte vor allem eins: laut. Und hässlich. Und doof. Auch, wenn sie nichts dafür kann.

In Anbetracht dieser Auswahl empfehle ich allen einsamen Herzen dann doch eher die Schildkröte und das Warten auf den Klempner.

Als wäre „Bauer sucht Frau” nicht schon Strafe genug, entdeckt nun auch der Penny Markt die „neue Lust am Landleben”: Zwischen Smart Zigaretten und Wappentrunk liegt eine Zeitschrift namens „Landlust”.
Klingt erst mal nach „Wo die Lederhose juckt” und „Unterm Dirndl wird gejodelt”. Für Unbedarfte auch nach Bullerbü und Wochenenden mit Zott Sahnejoghurt.
Nur: Ich komme vom Land. Und mir ist eine derartige Lust völlig fremd.
Die im Dirndlgwand genauso wie eine mit Milchprodukt.

Doch offensichtlich orientiert sich der Stadtmensch neuerdings rustikal. Pachtet einen Schrebergarten im S-Bahn-Gleisbett und pflanzt nach jeder Autofahrt zum Bio-Metzger einen Baum. Bäckt bei abnehmendem Mond eigenes Frühlingsbrot (in einer Stadt, in der das Pfister-Öko-Sonnen-Aufkommen dreimal höher ist als die Anzahl der Einwohner, reichlich bescheuert). Entdeckt nach Feierabend alte Obstsorten und vergessenes Gemüse neu (das selbst vermutlich niemals wiedergefunden werden wollte). Füttert gefräßige Wühlmäuse und umsorgt unkrautige Kratzdisteln – nur, weil die so schön heißen.

Ich sag Euch mal was: Gemüse macht keinen Spaß. Und ich weiß, wovon ich spreche. Denn auch ich bestellte als Kind ein eigenes Beet (ach was – einen ganzen ACKER …!), das jedoch mehr dem stillgelegten Ostfriedhof glich als einer Geburtsstätte für Rohkost. Ich nannte das naturnah. Meine Eltern jedoch definierten Gartenkunst anders und so verbrachte ich manchen Nachmittag mit Radieschen statt mit den Oberstufen-Jungs im Freibad. Dabei war auch die viel zitierte frische Landluft immer unentrinnbar mit am Start – Nachbar-verbrennt-feuchtes-Holz,-der-andere-odelt,-Brauerei-braut-Gemisch. Ich persönlich weiß nun das Bukett eines guten 18-Uhr-Mittleren-Rings sehr zu schätzen. Nun gut.

Am Wochenende verlässt der naturnahe Städter dann mitunter die City-Datscha, um seinen CO2 Fußabdruck auch jenseits des Rings zu hinterlassen. Bei einer aufregenden Radtour ins Dachauer Hinterland beispielsweise. Abenteuer pur. Wo er – eins mit Mutter Natur und den anderen Peak Performern – Blumen vom Selbstpflück-Feld rupft und vermutlich nicht bezahlt (die fade, häßliche Schafgarbe will ja keine alte Sau, wo die doch umsonst wäre). Oder er geht Wandern – die unerreicht ödeste Art der Fortbewegung seit dem aufrechten Gang. Nicht mehr nur Go See am Isarufer. Sondern mit Walkingstöcken lauthals durch die Voralpen staksen, Murmeltiere verstören und das Panorama preisen. Darauf eine Buttermilch!

Ich persönlich hasse ja Panorama. Diese Berge, die sich einem permanent ungefragt aufdrängen wie Bauer Heinrich auf RTL. Die Beschaulichkeit, so lästig pittoresk. Als pubertierendes Landei will man keine Idylle, sondern ins Kino. Was ohne Mofa so unerreichbar ist wie die Ehe mit George Clooney. Man will COOLE Jungs kennenlernen, nicht Ministranten im Firm-Unterricht. RTL Explosiv schauen statt „Aus Schwaben und Altbayern” auf einem der drei Fernsehsender (bei gutem Wetter fünf). Das prägt. Als Ex-14-jährige in der Provinz ohne Kabelanschluss und Zündapp, aber mit fester Zahnspange weiß ich, was es heißt, aus Mangel an Alternativen Eichhörnchen im Wald anzusprechen. Ich bin ja schon froh, inzwischen zusammenhängende Sätze bilden zu können.

Aber nein, Landleben hat nicht nur Nachteile. Es ist die Konzentration auf die wesentlichen Dinge, die die neue Landlust weckt: Man frönt der Langeweile (Tun Sie doch mal wieder gar nichts und beobachten dabei ihren Nachbarn!), betätigt sich dorfplanerisch (Überprüfen Sie die Ausdehnung der Nachbarshecke auf den Gehsteig auf die rechtliche Zulässigkeit!) oder entdeckt das eigene schriftstellerische Talent (beispielsweise beim Verfassen eines (natürlich) anonymen Briefes an die Anni, in dem man ihr mitteilt, dass Ihr Mann, der Franz, was mit der Kassenwartin vom FC hat – aber von mir woaßt des fei ned!).

Hm, wenn ich es mir recht überlege, so schlecht ist das alles ja doch gar nicht.
Vielleicht kaufe ich mir diese „Landlust”, backe Sauerampferbrot, halte mir ein Huhn und hänge mir den Starschnitt von Bauer Heinrich übers Bett.
Und laubsäge rustikale Balkonmöbel-Unikate aus grobem Holz.
Und wenn sich die Holzspreißel dann durch die Hose in meinen Hintern bohren, denke ich an früher.

Neuerdings macht man ja nicht mehr einfach nur Sport. Sondern Body Forming, Pilates, Step & Tone and Tae Bo.

Früher – wir hatten ja nichts 🙂 – als man Healthy Back noch Rückenschule nannte, da war Sport ehrlich. Kernig. Anstrengend.
Und hieß auch so: Zirkeltraining, Geräteturnen, Brennball. Das klang zackig, hart, entbehrlich – und aua. Eineinhalb Stunden Qual in stickiger Turnhalle mit Hans-Günter vom TSV. Leiernde Popmusik von Cassette. Blaue Flecken vom Sturz von der Sprossenwand, der Spott der anderen nach dem misslungenen Felgaufschwung. Gekrönt von chlorroten Augen und dem Fußpilz nach einer Stunde Hallenbad.
Kommandos wie „Schneller, Du faule Sau” ließen keinen Interpretationsspielraum. Und Aerobic mit Jane Fonda war schon das Exotischste, was der Turnunterricht zu bieten hatte.

Auch Geschlechter waren noch klar erkennbar: Rhythmische Sportgymnastik war für Mädchen, Gewichtheben untrennbar mit den tiefer gelegten Jungs im Gewerbegebiet verbunden. Und Tennis spielten die Schnösel. Vorurteile waren total einfach.

Today verschmelzen ehemals sportliche Randgruppen zu einem einzigen Fitness Movement – Detlef D Soost, angeblich ja männlich, darf in sinnfreien Fernsehsendungen mädchenhaft zappeln. Und weinen. Und beides gleichzeitig. Und keiner stoppt ihn.
Sport, der deutsch heißt, is so NOT im Trend. No Body ohne Soul, no Stretch ohne Relax, no Move ohne Cardio.
(Und kein Mann mehr ohne rasierte Beine – und Achseln. Nur noch eine Frage der Zeit, bis der Lockenstab den Schaltknüppel ersetzt.)

Nehmen wir zum Beispiel Indoor Cycling – allein der Begriff ein Widerspruch an sich, wenn man ihn denn versteht.
Fahrradfahren wurde nämlich einzig und allein erfunden, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, wenn man mal wieder den Schulbus verpasst hat.
(Man bewegte sich folglich DRAUSSEN und von realem Wetter umgeben – in meinem Fall 5 km von Anning nach St. Georgen, fluchend und schwitzend).
Nicht, um eineinhalb Stunden in einer unbelüfteten Dunkelkammer keinen einzigen Meter vorwärts zukommen … und statt in Anbetracht der Schönheit der Natur ein Liedlein zu pfeifen, glotzt man auf den beängstigend nahen, funktionellen Hintern des Vordermannes und hört dabei schlechten Techno.
Wenn man wenigstens den dabei theoretisch entstehenden Strom nutzen könnte oder ehemalige Straftäter durch Gruppendynamik resozialisieren – aber so?

Und hey, ganz wichtig – MAN MACHT NUN YOGA. Sogar echte Kerle. Selbst diejenigen, die Jivamukti und Ayurveda bisher für Geschwister von Bruce Lee hielten, federn – bisher ehrlichen Männersportarten zugewandt – after work mit mintfarbener Matte und entrücktem Lächeln ins stylische Yogaloft. Gönnen der inneren Balance noch einen links drehenden Weizengrasdrink, bevor sie mit zwanzig anderen in einem überfüllten Zimmer den Schiefen Hund machen.
Auch ich habe es versucht. Ich war guter Dinge und grüßte die Sonne. Jede Zelle meines Körpers war glücklich. Als ich bei der aufsteigenden Kobra statt eines Lächelns jedoch einen mir fremden Fuß im Gesicht spürte, kam mein Chakra bedenklich ins Wanken. Beim Kamel verlor ich schließlich komplett das Gleichgewicht und begrub meine (unvermeidlich rothaarige) Yogalehrerin unter mir, wodurch der Begriff Dead Body Pose eine völlig neue Bedeutung bekam. Da wurde ich wütend auf den Hare Krishna und ganz Indien, schleuderte meinen Eiweißdrink in die Ecke und überließ meine debil grinsenden Mitkrieger ihrem seeligen Schicksal.

Ich habe mich beruhigt. Und mache jetzt wieder Trimm Trab und gehe ins Hallenbad – Schwimmen (das ist so eine Wasser-Sportart von früher, die heutzutage nur noch wenige, meist Rentner, beherrschen).
Und beobachte dabei völlig genervte Viertklässler beim Brustschwimmen. Und am Beckenrand die Glückliche, deren Onkel Arzt ist.
Und bin froh, dass manche Dinge sich nie ändern.

Ich finde Schwimmen dufte. Gerne beginne ich meinen Sommertag mit dem Sprung ins kühle Nass des Freibads.

Pünktlich zur Öffnung um 9 Uhr versammele ich mich vor dem Eingang – zusammen mit circa 10 zähen Frühschwimmern, die meisten jenseits der 70. Ein Phänomen. Was treibt einen Pensionär frühmorgens aus dem Haus, wo doch um die Zeit seniorengerechte Heizdeckenverkaufsshows im TV laufen und er doch den ganzen restlichen Tag Zeit für Freizeitaktivitäten hat? Eine Frage, die ich mir um diese Zeit auch gerne im Tengelmann stelle, wo ich – (natürlich) hektisch, weil mega-gestresst, weil oberwichtig – durch die Gänge irre, vor dem Brotregal über einen Gehwagen stolpere, mich an der dazugehörigen älteren Dame festkralle und mit ebendieser im Kleingebäck lande. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Rentner, ich bin ja sogar mit einigen verwandt.

Zurück zum Schwimmen. Ich stülpe die Latex-Mütze über den Kopf, wobei ich mir die Hälfte meiner Haare ausreiße, setze die quietschgrüne Plastikbrille auf und pfrimle die Silikonstöpsel ins Ohr = ich sehe Scheiße aus, aber zweckmäßig.

Ich begebe mich nun im Schwimmerbecken. Ich betone: SCHWIMMERbecken. Nicht Wir-drei-haben-uns-seit-gestern-nicht-gesehen-und-uns-viel-zu-erzählen-und-müssen-daher-nebeneinander-drei-Bahnen-blockieren-Becken. Ich will SCHWIMMEN. Nicht Wasser-Hürden-laufen.

Das erste Hindernis – eine barbusige Rückenschwimmerin, die orientierungslos quer durchs Chlorwasser dümpelt, umschiffe ich elegant, um kurz darauf eine Dreierkette schnatternder Badehaubitzen zu rammen, die plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht. Normalerweise haben ja diese lustig bunten Haubenbojen den praktischen Nebeneffekt, die Orientierung im bevölkerten Becken enorm zu erleichtern. Nicht so in diesem Fall: zu spät, um auszuweichen, entscheide ich mich für den Weg ab durch die Mitte. Weder ersäufe ich eine der Damen, noch bringe ich deren Dauerwelle unter dem Gummihut in Gefahr – und doch vernehme ich (trotz Stöpsel) ohrenbetäubendes Gekeife, das ich zunächst ignoriere.

Kurz nach der Wende blicke ich jedoch dem Grauen direkt ins verknitterte Antlitz. Das kreischende Trio legt mir lautstark das Erlernen einer weniger störenden Schwimmart nahe. Ich berufe mich auf das 1980 erworbene Seepferdchen und während ich ungerührt an ihnen vorbeiziehe, misslingt mir doch glatt ein Beinschlag und endet in einem enormen Platscher, der jede Arschbombe in den Schatten stellt. Wieder entsteht Tumult.

Ich wechsele die Bahn, nicht ohne den Damen vorher mitgeteilt zu haben, dass das Betreten eines Schwimmbeckens Durchnässung zur Folge haben und auch Seniorenturnen viel Freude machen kann. Hoffentlich werde ich selbst mit Milde reagieren, wenn ich mit 70 von rücksichtslosen Rüpelschwimmern angerempelt werde. Ich fürchte nicht 🙂

Auf der neuen Bahn erwartet mich das nächste Phänomen der Unterwasserwelt: der Tauchspanner.

Ausgestattet mit extra großer Schwimmbrille und ebensolchen Augen taucht er aufmerksam und staunend durchs Becken. Ganz so, als wäre es die Sendung mit der Maus, in der erklärt wird, dass Frauen Brüste haben.

Wie ein Delfin begleitet er zumeist junge attraktive Schwimmerinnen auf ihren Bahnen – und möchte nur spielen. Und wie einen Delfin möchte man diesen an der Schwanzflosse packen und … nun ja, lassen wir das.

Und wenden uns einem weiteren Phänomen des sommerlichen Badevergnügens zu: dem Beckenpinkeln. In warmer Chlorbrühe lassen Kinder und andere Menschen ihren Bedürfnissen gerne freien Lauf. In Japan versucht man, dieser Plage Einhalt zu gebieten: Pinkelt der Asiate ins Wasser, färbt sich dasselbe am Tatort rot ein. Eine schöne Maßnahme, die ich das nächste Mal beim Bademeister ansprechen werde. Wer weiß, vielleicht habe ich dann künftig freie Bahn im Schwimmerbecken – der Inkontinenz sei Dank!

Out of Africa (Teil 2)

Nicht wackeln. Wir sind hier nicht zum Spaß.

Nach der ersten unfallfreien Nacht im Zelt klingelt um halb sechs Uhr morgens der Wecker.
Während ich mich noch frage, ob TAGE nicht eigentlich NACH deren Anbruch beginnen und ob ein Makramee-Kurs mit Tiefenentspannung auf Ibiza nicht doch die bessere Urlaubswahl gewesen wäre, höre ich es in den Nachbarzelten bereits fröhlich rumoren. Morgengrauen bekommt hier eine völlig neue Bedeutung. Ich stelle mich tot und spiele Aas. Vergebens – der Reißverschluss wird aufgerissen, ein gut gelaunter Kopf erscheint im Eingang und ignoriert meine Totenstarre. Die selbstgebastelte Steinschleuder bereits griffbereit, besinne mich dann doch eines Besseren und beschließe, zumindest anfangs einen guten Eindruck zu machen. Nicht, dass ich schon in der ersten Runde Dschungelcasting rausfliege.

Der Rest der Truppe ahmt, bereits safarifarben getarnt, Tierstimmen nach, während ich mich noch an einer Art Frisur versuche. Als ich im bunten Sommerkleid – Pink ist das neue Camouflage! – das Campinggehäuse verlasse, sind die restlichen Zelte bereits DIN-Norm-gerecht verpackt, die Isomatten auf Briefmarkengröße gefaltet und zehn beige Abenteurer sowie ein Kameraobjektiv starren mich ungläubig an. Streber! Hektisch reiße ich mein Zelt nieder und beginne Buschcamping und Beige zu hassen.

Die Plätze im Geländewagen sind so heiß umkämpft wie Liegen am Pool. Ich verliere die Schlacht und sitze hinten. Kaum ist das Dach hoch geklappt, schießen Objektive wie Pilze aus dem Fahrzeug. Es wird gespäht, was das Grünzeug hält, es rüttelt und ruckelt. Ich bleibe erst mal entspannt sitzen, schließlich habe ich Urlaub, sehe allerdings somit auch nichts. Außer fünf khakifarbenen Touristenhintern. Und Sträucher, Büsche, Sträucher, Büsche … Sowie die zweite Wahl der ortsansässigen Tierwelt: Impalas, Perlhühner, Impalas, Pukus, Impalas. Und Impalas. Zudem alle möglichen Arten von Brotbäumen: Leberwurst-, Affenbrot-, Honigbrot-, Wurstbrot- und vermutlich auch Butterbrot. Und da heißt es immer, in Afrika gäbe es nichts zu essen.

Von den Premium-Tieren jedoch keine Spur. Weder Löwen, Elefanten, Giraffen noch Leoparden. Das stand aber so im Katalog! Ich beschließe, mich sofort nach meiner Rückkehr zu beschweren. Zur Zeitüberbrückung lackiere ich meine Fußnägel, während draußen weiter afrikanisches Gebüsch an mir vorbeizieht. Hinter der Kamera über mir macht sich Unmut breit. „Also, ich denke, wir sollten mal da hinüber in die Büsche fahren, ich spüre es, da sind Löwen, die lieben Schatten.” Ich bin so froh, derart sach- und ortskundige Mitreisende zu haben. Alles, was die wissen, muss ich mir nicht merken.

Ich hoffe, die Stimmung zu steigern, als auch ich endlich etwas Tierartiges entdecke: „Dreieckiger Hund auf viertel nach neun”! Man weißt mich väterlich darauf hin, dass die Uhr auch in Afrika im Uhrzeigersinn gelesen wird und dass es sich um ein männliches Warzenschwein  (auf viertel nach drei) handelt, das – arttypisch knieend – in der Erde wühlt. Kategorie: stinklangweilig und für Anfänger. Seufzend setze ich mich wieder und bohre in der Nase. Irgendwie fehlt mir hierfür der nötige Ernst. Außerdem beschäftigen mich eh weit wichtigere Dinge: Wenn mich ein Löwe frisst, wer löscht dann meinen Facebook Account? Was passiert, wenn beim Hippo-Synchronschwimmen eins absäuft? Ist endemisch ansteckend? Und warum sitze ich nicht zuhause auf der Couch und gucke Dschungelcamp statt selbst mitzumachen?

Plötzlich Aufruhr im Wagen, alle Köpfe fahren synchron nach links herum. Dann nach rechts. Wieder nach links. Boris Becker-langweilt-sich-und-veranstaltet-Charity-Bush-Tennis for Africa? Aber nein, eine kleine Elefantenherde umzingelt den Wagen! Wurde ja auch echt Zeit! Ich ärgere mich ein wenig, die neue Kamera nicht schon vor der Reise aus der Originalverpackung genommen zu haben und versuche, den Einschaltknopf zu finden. Neben mir surrt und piepst und inszeniert es bereits fachmännisch. Meine Digicam zoomt hektisch abwechselnd Ohr und Hinterteil eines Elefanten heran. Als ich endlich den Rüssel im Visier habe, stolpere ich über einen Mitfahrer, kralle mich im Fallen an meinem Nebenmann fest – Kamerakind Horst, der offensichtlich eine Folge von Daktari dreht: „Nicht wackeln!” – reiße ihn zu Boden, wobei das Gummimonokel seiner Kamera in hohem Bogen aus dem Fahrzeug geschleudert wird. Während er fluchend und von Schadenersatz zischelnd zwischen den Stühlen klemmt, nutze ich die Gunst der Stunde und springe auf seinen Platz in der ersten Reihe. Ich habe nun unverstellte Sicht auf jegliches Freiwild – bloß blöd, dass jetzt von zwölf bis zwölf kein einziger Dickhäuter mehr zu sehen ist. Schade. Na, egal, wenn ich im Photoshop Ohr und Rüssel an ein Hippo bastele, geht das glatt als Elefant durch. Mein Widersacher kriecht noch immer auf dem Boden umher.

Dschungellektion 2: Eigentlich ja doch schade, dass man hier niemanden rauswählen kann.

Out of Africa (Teil 1)

Das Ziel

Das Überleben von drei Wochen mit einer deutsch-schweizerischen Reisegruppe im Busch Afrikas. Soviel vorab – die Tiere waren nicht das Problem …

Der Weg

Ich mache Urlaub in Afrika. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich will Abenteuer, wilde Tiere sehen und weite Landschaften und bunte Blumen und fremde Menschen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden, die mit allerlei exotischen Fototrophäen aufwarten, kann ich bisher nur von bayerischen Hauskatzen und gemeinen Stechmücken berichten. Das Kreuz des Südens hielt ich bislang für einen Teil des verschollenen Bernsteinzimmers, Malawi für Madonnas Kinderhort, und hätte mir jemand gesagt, Sambia wäre der neue Family Van von Opel – ich hätte es geglaubt.

Das Prinzip Expedition

Es handelt sich bei dieser Reise um eine Expedition. Heißt, mit dem Jeep durch die Wildnis fahren, auf einer Art Steinzeitcampingplatz im Zelt schlafen, und das alles mitten im afrikanischen Busch. Karg, einfach und entbehrungsreich. Oma würde sagen, wie früher. Ich stelle mich ein auf Beeren sammeln und Würmer essen. Auf die Frage nach Sicherheitsvorkehrungen – wie Bewachung oder Zäune rund um die Camps – erhalte ich vom Reiseveranstalter die unbefriedigende Antwort, ich würde sicher eine spannende Zeit haben und solle mich überraschen lassen. Was soll das denn heißen?! Überraschen wovon? Von einem Löwen, der meinen Hintern beim nächtlichen Klogang für einen Snack hält? Von der Tatsache, dass ich das so genannte „Zelt” selbst flechten muss, aus im undurchsichtigen Busch gesammelten Bananenblättern? Einer wild gewordenen Affenhorde, der man die Beeren vor der Nase weggefressen hat? Kurzfristig bekomme ich Sehnsucht nach zwei Wochen Rimini all inclusive.

Die Vorbereitungen

Wie jeder pflichtbewusste Tourist informiere auch ich mich vor meiner Reise ausführlich über Krankheiten und andere drohende Gefahren im Urlaubsland. Dazu besuche ich das Tropeninstitut. Klingt irgendwie nett, nach Malaria Tropica-Happy Hour und lecker Drinks mit Cocktailkirsche. Doch das Einzige, was einem dort gereicht wird, ist die schlaffe Hand eines blutleeren Medizinstudenten im 20.ten Semester. Dieser referiert zunächst über die Gefahren der Sonne, was mich einigermaßen irritiert, stützstrumpffarben wie er ist sieht er nicht wirklich so aus, als kenne er diesen Stern aus eigener Erfahrung. Der beige Medizinmann spricht von Typhus, Gelbfieber und Cholera, erzählt vom Angriff der Malaria-Mücken und Tollwutgefahr. Ich bin plötzlich nicht mehr sicher, ob ich in den Urlaub fahre oder in den Krieg ziehe. Das vorgeschlagene Sorglos-im-Krisenherd-Paket übersteigt meine Urlaubskasse bei Weitem, ich beweise Mut zur Versorgungslücke und entscheide mich für die preisgünstige Gelbfieberimpfung – halb so teuer wie die gegen Tollwut. Lieber irre sterben als innerlich verdörren. Gerade als er mir die Nadel in den Arm rammt, weist er mich noch darauf hin, dass in den Tagen nach der Impfung auftretende Erkältungssymptome sowie Fieber bis 40 Grad völlig normal seien, da es sich um einen Lebendimpfstoff handele. Spinnt der? Der soll mich GEGEN, nicht MIT Grippe impfen, noch dazu lebendiger! Ich spüre förmlich, wie Tausende kleiner Viren fröhlich aus der Kanüle in meine Blutbahn hechten und dort kleine Brandherde legen. Als er dann noch erwähnt, dass die Malaria-Prophylaxe bei vielen zu Depression, Alpträumen und Aggression führt, beginnt letztere schon aufzukeimen, bevor ich je eine Tablette genommen habe. Aggressiv, überhitzt UND irre, dazu brauche ich keinen Urlaub … da reicht einmal im Hochsommer mit dem Radl auf den Mittleren Ring, linke Spur. Zu guter Letzt fragt mich der Aushilfs-Scharlatan noch nach der Art der Reise. Meine Antwort, Expedition ins afrikanische Nirgendwo, treibt ihm Sorgenfalten ins Gesicht. Ob ich da freiwillig hinfahre, will er wissen. Nein! Ich muss aus Bayern fliehen, weil meine Nachbarn Wind davon bekamen, dass ich in meiner Wohnung illegal eingewanderte Wollmäuse beherberge. Was glaubt der denn, natürlich fahre ich da freiwillig hin! Er legt mir noch eine Liste mit Medikamenten für die Reiseapotheke ans Herz, unter anderem Sportsalbe. Wozu das? Durch den afrikanischen Busch zu joggen hat ungefähr genau den gleichen Effekt wie mit rohen Fleischlappen behängt durch ein Löwenrudel zu tanzen. Einen sehr unschönen nämlich.

1 Nachts sind alle Elefanten groß

Beim Aufbau des Zelts – zu meiner Erleichterung handelsübliche, leicht verständliche Campingware – hilft mir die Tatsache, weiblich, einigermaßen jung und aus der Großstadt zu sein – und ein verzweifelter Augenaufschlag. Ich verzichte aufgrund meines Überlebenswillens auf den unverstellten Blick auf Wasser und darin enthaltene Hippos und parke in zweiter Reihe. Denn: Never get between the hippo and the water. Ich diskutiere mit den Nachbarn noch die Möglichkeit einer Zeltwagenburg mit Handtuch-Ohren zur optischen Täuschung von Elefanten, hänge das mitgebrachte Hirschgeweih auf (soviel Heimat muss sein) und bastele eine Steinschleuder, um damit angreifende Löwen in die Flucht schleudern zu können. Immer zwischen die Augen zielen. Jeder, der schon einmal in Afrika war, schwärmt von den Geräuschen der Nacht. Von Leopardengebrüll, kreischenden Affen, Elefantentröten und nahem Hyänenlachen. Auf Cassette sicherlich entzückend. In real wildlife möchte ich allerdings nur ungern den Atem eines Hippos in meinem Nacken spüren, das neben meinem Zelt vor ich hinschmatzt. Ich möchte nachts auch auf keinen Fall irgendeine Form von Aussicht, der Sternenhimmel ist mir schnuppe, so großartig er auch sein mag. Man kann alles übertreiben. Mit Ohrenstöpseln, Schlafbrille und über dem Kopf verknoteten Schlafsack falle ich hermetisch abgeriegelt in einen erholsamen Schlaf. Um drei Uhr morgens jedoch weckt mich meine volle Blase. Mir fällt ein, dass ich meinen mobilen Nachttopf, aus einem Kanister gebasteltet, vor dem Zelt vergessen habe. Ich konzentriere mich eine halbe Stunde lang auf Wüste, Wüste, Wüste. Dürre. Es hilft alles nichts, ich muss mein sicheres Versteck verlassen. Umständlich pople ich die Stöpsel aus den Ohren – und erstarre prompt: hinter der Zeltwand – unmittelbar neben meinem Kopf – höre ich ein seltsames Geräusch, ein gleichmäßiges zzzzzzzzz, zzzzzzz, zzzzzzzzzz. An Schlaf ist nun eh nicht mehr zu denken. Panik ergreift mich, ich tappe im Dunkeln nach der Steinschleuder, vergebens, entscheide mich schließlich für Nagelfeile und Deospray zur Abwehr eines eventuellen Hippo-Angriffs, Mädchen sein zahlt sich im Busch eben doch aus. Mit zitternden Fingern öffne ich in Zeitlupe den Reißverschluss, Millimeter für Millimeter, linse durch ein kleines Loch vorsichtig nach draußen und entdecke – nichts. Garnichts. Niente. Nur Sternenhimmel, großartig und klar. Ich linse nach links, linse nach rechts, nicht die Spur einer Gefahr! Auch das Geräusch ist verstummt … Ich atme erleichtert auf. Ich Anfänger! Pah! Übermütig reiße ich den Reißverschluss auf, springe beschwingt nach draußen, tanze singend an der Zeltstange, pfeife ein Liedchen, schlage ein Rad – als sich plötzlich ein großer Schatten zwischen mich und den Sternenhimmel schiebt. Ein afrikanischer Flugsaurier? Hyäne auf der Suche nach einer neuen Geschmacksrichtung? Ich hoffe naiv auf eine Wolke. Ich turne nun nicht mehr. Pfeife auch nicht. Vor meinem geistigen Auge zieht mein Leben vorbei, ich danke leise murmelnd Eltern, Nachbarn und Freunden, bedauere, dass nichts von mir zum Begraben übrig bleibt. Wie gerne wäre ich als Asche über den Alpen verstreut worden. Es bleibt nur die Flucht nach vorn! Als ich nach dem Deospray greife und zum Angriff übergehen möchte, gibt der Schatten plötzlich kratzige Laute von sich, zunächst unverständliche, seltsame, dann sprachähnliche, die sich nach und nach als astreines Schwytzerdeutsch entpuppen: „Ja, gruezi, die Luft ist rein, kannst rauskommen, hier hat’s gar keine Hippos nicht …” … Ich kauere am Boden und blinzele verstört. Meine Schweizer Mitreisende schüttelt verwundert den Kopf, verschwindet in ihrem Zelt und zieht – zzzzzz, zzzzzz, zzzzz – den Reißverschluss zu.

Dschungellektion 1: Never get between the Schweizer and his tent.